Tochterverein der Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit

Schlutup früher: Lübecker Kreidewerke Heine und Co., Fabrikstraße 4

In gut ausgestatteten Schulen arbeiten die Lehrer heute mit Whiteboard, Flip Chart, Laptop und Beamer. Wer kennt noch die Schultafeln, die mit Schulkreide beschrieben wurden, nicht nur mit weißer Kreide, sondern auch mit farbiger? Und Kreide wurde außerdem und hauptsächlich zur Herstellung von Farben verwendet. Ein Großkunde der Lübecker Kreidewerke in Schlutup war die Farbenfirma Flügger, die damals in den 60-er und 70-er Jahren sogar eine Produktlinie für die Karstadt-Heimwerkerabteilungen unter deren Eigenmarke „Joker“ produzierte.

Der Rohstoff Kreide kam damals per Küstenmotorschiff überwiegend aus Schweden und wurde direkt die Trave aufwärts bis zum Anleger des Kreidewerkes gebracht. Mir sind noch einzelne Schiffsnamen in Erinnerung, zum Beispiel „Isenberg“ oder „Dania“. Das waren wirklich kleine Kümos, die heute nicht mehr wirtschaftlich fahren könnten. Die Kreide, noch mit Steinen und Sand verunreinigt, befand sich lose als Schüttgut im Laderaum des Schiffes und wurde mit dem Kran nach und nach an Land befördert. Nahezu alles auf dem Kreidewerk war harte, körperliche Arbeit. So wurde die Kreide im Schiffsbauch in Metallkästen geschaufelt, die etwa einen Kubikmeter fassten und mit Ketten am Kran hingen. Wenn ein leerer Kasten hinuntergelassen wurde, zogen ihn die Arbeiter an die richtige Stelle und riefen dem Kranführer zu: „fier weg“, und wenn ein Kasten voll geschaufelt war, riefen sie: „hiev up“. Oben an Land standen andere Arbeiter, die zwei der vier Ketten lösten, so dass die Rohkreide zu einem großen Haufen aufgeschüttet werden konnte. Während des Löschens war die Schiffsbesatzung an Land und häufig lud mein Großvater, der Werksmeister Otto Bumann, den Kapitän und seine Familie zum Abendessen ein. Quasi als Gastgeschenk hatte der Kapitän gesüßtes Schwarzbrot aus Schweden mitgebracht, eine fremdländische Attraktion.

Das Unternehmen Lübecker Kreidewerke gehörte den drei Brüdern Heine. Der älteste der drei Brüder betrieb die Verarbeitung der Rohkreide zu dem gebrauchsfertigen Rohstoff Kreide in pulverisierter Form. Der Mittlere der drei Brüder war der Kaufmann, war zuständig für die Bearbeitung der Eingangs- und Ausgangsrechnungen, die Buchhaltung und das Controlling. Und der Jüngste machte die „bunte Kreide“ und auch die weiße Kreide in Stiftform, die für Beschriftungen und als Schulkreide benötigt wurde. In den 50-er und 60-er Jahren liefen die Geschäfte gut. Fast regelmäßig musste auch am Sonnabend gearbeitet werden, damit Ware bereitgestellt werden konnte, die am Anfang der nächsten Woche auf LKWs und teilweise auch in Güterwaggons verladen werden sollte. Meine Großeltern hatten ein Telefon, was in den 50-er Jahren eher eine Besonderheit war. Die Nummer weiß ich noch heute: 34296. Über dieses Telefon rief Herr Heine, der Fabrikinhaber meinen Großvater aus seiner Villa in der Kronsforder Allee an, wenn eine Schiffsladung Rohkreide avisiert war, oder wenn ein Auftrag kurzfristig hereinkam und Überstunden anfielen. Ende der 60-er Jahre ebbte der Kreideboom ab, weil zunehmend neuartige Binderfarben und Dispersionsfarben die Kreidefarben ablösten. Ein Problem war wohl auch, dass zeitweise größere Geldbeträge für Kasinobesuche und Spielschulden aus dem Unternehmen gezogen wurden.

Freitags war Zahltag. „Lottl“ Hoffmann, die Kontoristin zählte den ganzen Freitag über Bargeld für jeden einzelnen Arbeiter mit dem dazugehörigen Journalstreifen in pergamentähnliche Papiertüten. Die Lohntüten wurden jedem Arbeiter am Ende des Tages persönlich übergeben. „Lottl“ wohnte mit ihrer Mutter zusammen in einer sehr kleinen Wohnung im Bögengang. Ihre Mutter hieß auch nicht Mutti, sondern „Muttl“, weil beide aus Schlesien stammten und manchmal unverständliche Worte sprachen. Aber „Lottl“ gehörte praktisch zur erweiterten Familie meiner Großeltern. - Am Freitagnachmittag kam regelmäßig ein Verkaufswagen, der verschiedene Dinge an die Arbeiter verkaufte, vor allem Bier. „Kulmbacher Export“ stand auf den Etiketten der Flaschen. Die Frauen der Arbeiter waren dann auch dort, damit nicht etwa der ganze Wochenlohn in Bier umgesetzt wurde.

Die noch verunreinigte Rohkreide wurde portionsweise in die Schlämme geschaufelt. Das war ein nah am Traveufer fest eingebauter Bottich von etwa drei Metern Durchmesser. Unter Hinzufügung von reichlich Wasser wurde die schleimige Masse ständig mit einem überdimensionierten Quirl bewegt. Dabei lösten sich Steine und andere schwere Bestandteile und setzten sich unten im Bottich ab. Dieser Abraum wurde bei Stillstand der Schlämme einfach am Hang zur Trave hinunter abgelassen und liegt dort vermutlich noch heute. Gleichzeitig wurde die flüssige Kreide über ein Rohrsystem in gemauerte Absatzbecken geleitet. In diesen Becken sank die Kreide über mehrere Tage und Wochen allmählich nach unten und weitgehend klares Wasser stand darüber. Im Becken stand ein senkrechtes Rohr, das später etappenweise zur Seite geneigt wurde, damit das Wasser in eine Rinne vor den Becken abgeleitet werden konnte, von wo aus es schließlich in die Trave lief. Sobald die Kreidemasse schließlich Narben an der Oberfläche bildete, wie man sie von Bildern mit von Dürre heimgesuchten Landschaften kennt, wurden die Becken nacheinander geöffnet. – Dieser Trocknungsprozess brauchte Zeit. Darum wurden die Becken nacheinander befüllt und in der gleichen Reihenfolge wieder geleert: First in – first out. Männer in Gummistiefeln legten Bretter auf Böcken in die Becken, so dass die cremige Kreidemasse Schubkarrenweise entnommen werden konnte. Da wurde im Lauftempo Akkord gearbeitet.

Zur Weiterverarbeitung wurde die cremige Kreidemasse fladenweise in die Regale der Schragen geschaufelt. Der Wind wehte durch die luftig angeordneten Schragen und trocknete so die Kreide über längere Zeit schließlich aus, bis die Kreide bröckelig wurde. Zwischen den Schragen befand sich ein Schienensystem, auf dem Loren geschoben werden konnten. Dort gab es einen Arbeiter, der hieß Ruschke, der war ein freundlicher Typ und wusste mehr als andere. Der hat mir manches erklärt. Mit den Loren wurden die Kreidefladen dann in die Mühle befördert und dort in einen Trichter geworfen, unter dem sich ein Mahlwalzensystem befand, durch das die trockene Kreide fein gemahlen wurde. Oben auf dem Boden der Mühle konnte das Kreidepulver schließlich in Papiersäcke abgefüllt werden und wurde dann von dort mit Sackkarren auf die LKWs verladen.

Falls das Wetter lange Zeit feucht war und der natürliche Trocknungsprozess zu viel Zeit beanspruchte, konnte die Kreide mechanisch in einer beheizten Trommel auf der anderen Seite des Betriebsgeländes verkaufsfertig bearbeitet werden. Das sollte jedoch nicht allzu häufig vorkommen, weil damit zusätzliche Kosten verbunden waren.

Die Gebäude auf dem Kreidewerk stehen teilweise heute noch: Vorne links das Kontor mit einer Garage daneben und das Hauptgebäude, früher mit dem Pausenraum und Waschraum für die Arbeiter, dahinter die Meister-Wohnung meiner Großeltern und dahinter die Werkstatt. Oben wohnten die Familien Kittel (der Kranführer), Burmeister und Voß. Alle wohnten mietfrei, mussten dafür aber ggf. jederzeit zur Verfügung stehen. Das Gehalt meines Großvaters als Werksmeister betrug 268,-- Mark. Auf der gegenüberliegenden Seite der Fabrikstraße lag der Acker, auf dem der Bauer Wilhelm Pump Kartoffeln oder Getreide anbaute. Auf dem Acker muss früher einmal Eisenerz gelagert worden sein, denn beim Pflügen kamen regelmäßig Eisenerzklumpen zum Vorschein, die wir Jungen sammelten und an den Schrotthändler Moldenhauer in der Wesloer Straße verkauften.

Das Kreidewerk war für mich ein Abenteuerspielplatz. Es gab unzählige Verstecke und interessante Details. Vor allem in der Werkstatt und in der Schmiede passierte immer etwas. Noch interessanter war das Grundstück zwischen dem Kreidewerk und dem Fischmehl-Betrieb Wilhelms, das scheinbar niemandem gehörte und wild überwuchert war. Dort spielten auch viele Jungen aus dem Ort Cowboy und Indianer. Vorn an der Fabrikstraße auf Höhe der Schusterbreite stand eine Holzbaracke. Dort wohnte die Familie Eufe. Die hatten vier Kinder, alles Jungs: Klaus, Rudi, Emil und Mathias. Die waren auch dabei. Auf dem Gelände stand auch das Wrack eines Lastwagens, auf dem man ggf. auch allein wunderbar spielen konnte.

Auf dem Kreidewerk gab es natürlich auch einen Reparaturbetrieb. Verbogene Schaufeln und defekte Schubkarren wurden nicht weggeworfen, sondern in der Werkstatt wieder repariert, mit neuen Stielen versehen und weiter verwendet. Auch die wenigen Maschinen wurden regelmäßig gepflegt, gewartet und ggf. repariert. Ein Umweltbewusstsein gab es noch nicht. Dreck und Abfälle wurden einfach in die Trave geleitet.

In Schlutup gab es damals mehrere Kleinstbetriebe. Ein wichtiger davon war der Brunnenbaumeister Holtfreter. Das waren Vater und Sohn, die die Wasserversorgung des Kreidewerks und ebenso der Fischverarbeitungsbetriebe sicherstellten. Offenbar war das Grundwasser zunehmend verunreinigt, so dass es als Trinkwasser nicht mehr geeignet schien. Damit sollten etliche Brunnen zugeschüttet werden, was für die Holtfreters ein schmerzlicher Einschnitt war.

Die Verarbeitung der Kreide zum fertigen Produkt war elende Knochenarbeit, die heute gewiss niemand mehr machen möchte. Die gute, alte Zeit war nicht so gut, wie sie später gern gesehen wird. Die Arbeiter waren überwiegend hagere, durchtrainierte Männer, die keine Muckibude brauchten. Die gab es damals ja auch noch gar nicht. Krankschreibungen gab es nur bei wirklich schweren Verletzungen. Und die gab es auch.

Sonntags wurde nicht gearbeitet. Manchmal nahm mich mein Großvater mit zum Frühschoppen. Das war häufig bei Störmer, dem Restaurant an der Ecke Mecklenburger/Wesloer Straße, oder auch in Privathäusern, zum Beispiel des Bauunternehmers Sterly im Brinkweg oder bei dem Fuhrunternehmer Bibow in der Wesloer Straße. Dabei wurde regelmäßig reichlich getrunken und dicke Zigarren geraucht, bis man die Luft förmlich schneiden konnte. Mir als Kind tränten die Augen, aber das war damals normal. Daran nahm niemand Anstoß. Ein Gesundheitsbewusstsein gab es damals nur ansatzweise.

Mein Leben als Kind war damals auf einen engen Radius beschränkt. Deswegen erinnere ich mich heute noch an so viele Details, die sich eben ständig wiederholten. Man muss nicht glauben, dass damals die „gute, alte Zeit“ war, aber immerhin ging es ständig aufwärts. Die Verhältnisse, in denen ich aufgewachsen bin, ebenso wie die der meisten Kinder meiner Generation, waren ärmlich. Weiter absteigen konnte man praktisch nicht, wodurch Erfolgserlebnisse fast garantiert waren. Das ist in der Nachbetrachtung ein enormer Vorteil. Nachfolgende Generationen wuchsen in dem zumindest bescheidenen Wohlstand ihrer Eltern auf und sollten nun erst einmal aus eigener Anstrengung an diesen Status anschließen, um dann vielleicht noch weiter zu kommen. Da gibt es sehr wohl die Möglichkeit von Misserfolgen und Abstiegen. Dieses Wissen ist wichtig, um die mitunter unverständlich wirkende Mentalität der Jugendlichen heute einordnen zu können. Uns geht es heute im Vergleich zu früher unglaublich gut und auch unseren Kindern wird es gut gehen, auch dann, wenn sie selbst nicht allzu viel zustande gebracht haben sollten. Auch die Umverteilung durch Erbe wird unseren Wohlstand noch auf viele Jahre sicherstellen.

In Schlutup hat sich vieles verändert. In der Fabrikstraße sind alle Kleinbetriebe verschwunden: die Personenfähre, die die Verbindung zum Hochofenwerk war, die Kreidewerke, der Fischmehlbetrieb, Krages, der Holzverarbeitungsbetrieb, die Fischverarbeitungsbetriebe Tip-Top, Goldfisch und Leckermäulchen (nur Hawesta gibt es noch). Und schließlich an der Ecke Mecklenburger Straße „Katz und Klump“, die Bahnschwellen aus Holz herstellten. Die Zeit und der veränderte Bedarf haben die Kleinbetriebe hinweggefegt. In der Fabrikstraße am Ufer der Trave hat sich ein Papierterminal breitgemacht, von wo aus Altpapier nach Finnland verschifft wird und als gebrauchsfertiges, neues Papier zurückkommt. Spielende Kinder gibt es dort nicht mehr. Dort ist ein neues, hoffentlich zukunftsträchtiges Industriegebiet entstanden.


Holger Simon