Tochterverein der Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit

Turmgeschichte

Von Achim März

„Die Steine müssen weg.“ − Als Jürgen Schreiber, Ehrenvorsitzender des Gemeinnützigen Vereins Lübeck-Schlutup, im Herbst 2020 eine Mail vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Ostsee erhält, erinnert er sich sofort. Kurt Schreiber, sein Vater war es, der nach versehentlicher Sprengung des Behn-Turms dessen Fragmente sicherte. Vor fast 60 Jahren in den Hang unterhalb des Gogenbergs am Mühlenweg gekippt, warten die längst von der Vegetation überwucherten roten Sandsteinbögen und unzähligen behauenen Natursteine auf die Neuerrichtung an geeigneter Stelle. Doch wie realistisch ist dieser Gedanke heute?

Der Behn-Turm wird um 1900 vom St. Gertrud-Verein zu Ehren des Bürgermeisters Heinrich Theodor Behn (1819−1906) errichtet. 1848 in die Bürgerschaft gewählt, gehörte dieser ab 1858 dem Senat an. In seiner Schaffenszeit war der promovierte Rechtswissenschaftler mehrmals von 1871/72 bis 1895/96 Bürgermeister der Stadt. Der 9 Meter hohe Aussichtsturm am Fährberg mit Blick über den Breitling, der ausgeprägten Travebucht am Ortseingang Schlutups, war einst ein beliebtes Ausflugsziel. 1963 wird der Turm vom Bundesgrenzschutz wegen Baufälligkeit gesprengt, obwohl nach heftigen Bürgerprotesten schon Spendenzusagen für den Erhalt des Turms vorliegen und die Bürgerschaft sich gegen die Sprengung ausspricht. Ein Missverständnis in der Kommunikation führte zu diesem Ereignis.

Auf dem Gelände am Gogenberg, unweit der Schlutuper Wieck, soll aktuell ein neues Seezeichen errichtet werden. Schnell kommen bei Abräumarbeiten die deponierten Reste des Turmes zum Vorschein. Ein Puzzle aus Sandstein, Betonbrocken und Natursteinen, wild zusammengewürfelt, erhebt sich vor dem Betrachter wie ein mächtiger Geröllhaufen. Der Gemeinnützige Verein Schlutup überlegt, gut erhaltene Teile an geeigneter Stelle neu zu platzieren. Bei näherer Begutachtung jedoch kommt man schnell zu der Erkenntnis, dass lediglich eine Sandsteinplatte, die hoch oben am Turm prangte, den Erhalt lohnt. Schnell ist ein Fuhrunternehmer beauftragt, die Sicherung zu unterstützen. Da die abgebildeten Ornamente heute als umstritten angesehen werden müssen, ist die zur Schaustellung im öffentlichen Raum als kritisch zu bewerten. Das Fundstück wird schließlich der Hansestadt Lübeck angeboten, die jetzt prüft, ob es eine geeignete Verwendung als Ausstellungsstück im Skulpturengarten des Behnhauses geben könnte oder die Völkerkundesammlung um ein weiteres Exponat erweitern solle.

Zum geschichtlichen Hintergrund: Der Arzt Georg Heinrich Behn, Vater des späteren Lübecker Bürgermeisters Heinrich Theodor Behn, kauft das repräsentative Haus im Jahre 1823. Es sollte fast ein ganzes Jahrhundert im Besitz der Familie bleiben. Um es zu erhalten, erwirbt es der Lübecker Staat im Februar 1921, der Künstler Carl Georg Heise richtet dort ein Museum ein.

Die Sandsteinplatte, welche nun auf eine neue Verwendung wartet, wurde vermutlich um 1900 von Fritz Behn (1878−1970), dem Enkel Heinrich Theodor Behns geschaffen. Auf der etwa 1 x 1,20 Meter großen Platte sind drei Köpfe afrikanischer Krieger abgebildet, die ein Ornament mit gekreuzten Knochen umrahmen, auf denen eine Pflanze mit drei Ähren prangt. Möglicherweise ist dieses frühe Werk des nicht unumstrittenen Künstlers im Laufe der Jahre in Vergessenheit geraten. Es ist Zeugnis des weit verbreiteten Glaubens an die Überlegenheit vom kolonialistischen Herrenmenschentum in den frühen Jahre seines Wirkens.

Lübeckische Blätter